Nach knapp einem Jahr Pause kehre ich an meinen Arbeitsplatz zurück, bewaffnet mit einem Kaffee, der mehr kostet als mein früherer Stundenlohn, und einer existenziellen Unsicherheit, die ich liebevoll „Neustart-Melancholie“ nenne. Mein Schreibtisch steht noch da, als hätte er mich nie verlassen, was ich ihm hoch anrechne. Ein Jahr Pause ist eine merkwürdige Zeitspanne. Lang genug, um zu vergessen, wie das Passwort lautet, aber zu kurz, um sich ernsthaft als „ehemaliger Mensch“ zu bezeichnen. Ich habe in dieser Zeit viel gelernt: zum Beispiel, dass man um 11 Uhr vormittags frühstücken kann, ohne dass jemand „Brunch“ dazu sagt. Dass man Gedanken zu Ende denken kann. Nun sitze ich also wieder hier, in einem ergonomischen Stuhl, der mir verspricht, meinen Rücken zu unterstützen, aber vermutlich heimlich über mich lacht. Ich starre auf den Bildschirm, der mich anstarrt, und wir beide wissen: Einer von uns wird zuerst nachgeben. Ich bin wieder Teil des Systems. Ein Rädchen. Ein halb motiviertes, leicht rostiges, aber charmantes Rädchen. Und doch: Irgendetwas hat sich verändert. Ich arbeite langsamer, aber denke länger. Ich lache öfter, auch über mich selbst. Ich weiß jetzt, dass Produktivität kein Charaktermerkmal ist und To-do-Listen keine moralische Instanz. Vielleicht ist das der wahre Erfolg dieses Comebacks: Ich bin nicht mehr nur zurück – ich bin anders zurück.
Mit mehr Fragen, weniger Eile und einem sehr gesunden Misstrauen gegenüber allen E-Mails mit dem Betreff „Kurze Frage“.
Zehn Monate. Zehn Monate, in denen meine Kameras mehr Staub angesetzt haben als ein durchschnittlicher Wälzer im Regal .Ich habe die Welt ohne den Sucher betrachtet und festgestellt, dass sie trotzdem existiert. Nun aber regt sich der Zeigefinger wieder. Ganz vorsichtig, fast tastend .Mein Weg zurück führt mich – wie könnte es anders sein – an den Sylter Strand. Dort, wo das Licht so eigenwillig ist, und doch vollkommen scheint . Zwischen der unendlichen Weite der Nordsee und dem beharrlichen Schweigen der Dünen versuche ich mich an einer neuen Bestandsaufnahme. Vom rauen Küstenwind geht es dann zurück in die kontrollierte Stille des Studios. Hier herrscht kein Chaos, sondern das Diktat der Ästhetik. Zwischen Blitzköpfen und Reflektoren fühlt es sich ein bisschen so an, als würde man nach einem Jahrzehnt im Exil wieder seine Muttersprache sprechen – man stolpert über die Grammatik, aber die Melodie ist noch da. Ich arbeite wieder. Langsam. Mit Bedacht. Und mit der tiefen Erkenntnis, dass ein gutes Bild oft weniger mit Technik zu tun hat als mit der Fähigkeit, im richtigen Moment nicht wegzusehen.
...nicht wegsehen...im richtigen Moment.